Jazz, Orgel, Kirchenmusik – das ungenutzte Potential

Daniel Stickan

Jazz, Orgel, Kirchenmusik – das ungenutzte Potential

Jazz gehört in Deutschland derzeit nicht zum Kanon der Kirchenmusik. Auch wenn es an vielen Orten fruchtbare Initiativen von Jazzgottesdiensten, Konzertreihen, Tagungen, Forschungsarbeiten und Festivalbeiträgen gibt: Jazz spielt in der Kirchenmusikausbildung noch keine wesentliche Rolle, es gibt keine profilierten „Jazzkirchen“, das Amt des „Jazzkantoren“ wartet noch auf seine Erfindung und eine Vernetzung und Förderung von Musikern und Jazz-enthusiastischen Gemeinden durch übergeordnete Strukturen ist derzeit nicht erkennbar.
Vielen mag dieser Zustand als ein angemessener Status quo erscheinen, der die angenommene geringe Bedeutung von Jazz im Allgemeinen und für die Kirchenmusik im Besonderen widerspiegelt. Da nun aber die vorhandenen kirchenmusikalischen Strukturen etwas anderes sind als ein in alle Richtungen offenes Förderprogramm jeglicher musikalischer Spielarten (diese Behauptung lässt sich schnell anhand von Jahresprogrammen, Stellenausschreibungen und Lehrplänen überprüfen), ist eher davon auszugehen, dass die aktuelle Situation mit den inhärenten Möglichkeiten und Bedeutungen des Jazz für die Kirchenmusik nicht kongruent ist.
Die folgenden Gedanken sind damit als ein „Faktencheck“ zu lesen, der die impliziten Annahmen zum genannten Themenkomplex (auch in Bezug auf die Orgel und ihr Entwicklungspotential) explizit machen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen will. Dies geschieht in der Form von sechs ausgewählten „Marginalisierungsversuchen“, die ihrem Wesen nach gedankliche Zuspitzungen sind, dadurch jedoch hoffentlich auch zur Klärung einiger bisher nur wenig reflektierter und doch gemeinhin für richtig betrachteter Annahmen beitragen.

Marginalisierungsversuch Nr. 1 : „Die Kirchenorgel ist für Jazz ungeeignet“

Die Fakten: Es gibt kein Instrument, welches speziell für den Jazz entwickelt wurde. Der Jazz mit seiner über 110jährigen Geschichte ist verglichen mit der Instrumentengeschichte der westlichen Welt vergleichsweise jung. Er wendete in seiner Entwicklung seine musikalischen Parameter immer auf bereits vorhandene Instrumente an. Selbst das Saxophon wurde bereits 1840 entwickelt: als klassisches Orchesterinstrument. Wie ist diese Behauptung also zu verstehen?
Sie basiert auf der falschen Annahme, dass Jazz mit Jazzstilen wie Swing, Bebop oder New Orleans im Wesentlichen gleichzusetzen ist und er damit als „Stil“ insgesamt hinreichend verstanden und beschrieben ist. Seit mindestens 40 Jahren jedoch versammelt sich unter dem Oberbegriff „Jazz“ ein unüberschaubarer Stilpluralismus, der in diverse musikalische Richtungen ausgreift und synergetisch neue Formen entwickelt. Komposition und Improvisation mit Messiaenschen Modi, interkultureller Crossover, komplex-polyrhythmische Groovemusik, elektronische Klangwelten, Free Jazz von der Textur der New Complexity, großformatige Ensemblewerke an der Grenze zur „Neuen Musik“, Vierteltonmusik, subtil-modale Kontemplationen usw.
Die Grenzen zu Popularmusik, ebenso wie zur komponierten zeitgenössischen Musik, sind dabei fließend und die Richtung der Einflüsse ist nicht immer rekonstruierbar. Dabei wurde kaum ein Instrument ausgelassen: Jazz auf der Harfe, der Blockflöte, dem Cello, dem Alphorn – der Jazz der letzten Jahrzehnte kann auch als eine Suche nach neuen Klangerzeugern beschrieben werden.
Bezogen auf die Kirchenorgel lässt sich festhalten: für spezielle Jazzstile (Bebop, Swing, New Orleans, Funk u.a.) ist die Kirchenorgel wenig geeignet, weil sie deren Strukturmerkmale (insbesondere in Hinblick auf Klang, Artikulation, Dynamik) nicht hinreichend abbilden kann. Außerhalb dieser Einschränkungen jedoch bietet die Kirchenorgel einen gewaltigen Kosmos an klanglichen Möglichkeiten, die für den Jazz erschlossen werden können und deren Aufzählung hier den Rahmen sprengt. Der Jazz hat darüber hinaus für vorhandene Instrumente stets auch neue Spieltechniken entwickelt und damit deren Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Warum sollte das für die Kirchenorgel nicht gelten? Das vorhandene Repertoire spieltechnischer Möglichkeiten ist schon so umfassend, dass es diverse Anknüpfungspunkte für verschiedenste Jazzkonzepte bietet. Dazu ist das Potential noch zu entwickelnder Spieltechniken für zukünftige „Jazzäußerungen“ in Anbetracht der ungeheuren Vielfalt dieses Instrumentes mindestens so groß wie bei jedem Instrument, welches bereits eine etablierten Platz in der Jazzgeschichte einnimmt.

Marginalisierungsversuch Nr. 2: „Jazz ist eine Nischenmusik, die nur wenige Menschen hören wollen“

Die Fakten: Wenn für Jazz der Begriff „Nischenmusik“ passend erscheint, dann ist mit Blick auf die tatsächlichen Zahlen auch die „klassische Kirchenmusik“ eine „Nischenmusik“, wodurch sich das Argument gegen den Argumentierenden wendet. Nach aktuellen Studien des Deutschen Musikinformationszentrums MIZ schneidet „Jazz“ bei den bevorzugten Musikrichtungen 2015 mit 27,3% der Befragten gegenüber „Klassik, Konzerte, Sinfonien“ mit 33,5% der Befragten und „Oper, Operette, Gesang“ mit 26,6% der Befragten [http://www.miz.org/downloads/statistik/31/statistik31.pdf, abgerufen am 21.07.16] nicht deutlich schlechter ab. Wenn es um das Live-Erleben geht, nähern sich die Genres bei den Besuchen von Musikfestivals sogar noch weiter an: für 2015 gaben 9,2 % aller Befragten über 14 Jahren an, Klassikestivals zu besuchen [http://www.miz.org/downloads/statistik/131/statistik131.pdf], 8,2 % besuchten Jazzfestivals [http://www.miz.org/downloads/statistik/81/statistik81.pdf].
Da die Kategorie „geistliche klassische Musik“ dabei gar nicht abgefragt wurde, also keine belastbaren Zahlen existieren, sie aber als Unterkategorie von „Klassik, Konzerte, Sinfonien“ bzw. „Oper, Operette, Gesang“ vermutet werden darf, ließe sich behaupten: 2015 hörten in Deutschland mehr Menschen über 14 Jahren zielgerichtet Jazz als klassische Kirchenmusik.
Dieser Marginalisierungsversuch entspringt oft einer unhinterfragten, kirchlichen Binnensicht. Viele Menschen, die als Kirchenmusiker oder Theologen arbeiten, sind in ihrem Arbeitsbereich (Gottesdienst, Konzert) hauptsächlich von klassischer Kirchenmusik und deren Liebhabern umgeben. Gesamtgesellschaftlich lässt sich hier ein Problem kirchenmusikalischer Kulturpolitik konstatieren, da auf den Jazz bezogen ein äquivalenter Bevölkerungsanteil von Hörgewohnheiten nicht berücksichtigt wird. Welche Fragen das in Hinblick auf Gemeindewachstum und gelebter Vielfalt aufwirft, wird im Folgenden noch näher zu untersuchen sein.

Marginalisierungsversuch Nr. 3: „Jazz eignet sich nicht für Kirchenakustik“

Die Fakten: Die Antwort auf diese Behauptung ähnelt der Argumentation zum Marginalisierungsversuch Nr. 1. In dieser Behauptung jedoch betrifft die Verallgemeinerung von Jazz als „Stil“ noch zusätzlich die Kirche als Klangraum. In der Auseinandersetzung ist also zu fragen: „Welcher Jazz eignet sich nicht für welche Kirchenakustik?“.
Sicher ist richtig, dass die meisten Jazzstile bisher eher in trockenen Akustiken von Jazzclubs und Konzertsälen entstanden sind (eine Ausnahme bildet zum Beispiel die Klangästhetik des Münchener Jazz- und Klassiklabels ECM). Blickt man jedoch auf die Zahl der Kirchen mit wenig Nachhall, so ist gesamtkirchlich festzustellen, dass schon aus statistischen Gründen deren Zahl deutlich überwiegen muss. Damit ließe sich die oben genannte Behauptung sogar umkehren: Aufs Ganze betrachtet ist die Situation für Jazz in Kirchen unter akustischen Gesichtspunkten eher günstig.
Hinzu kommt jedoch ein weiterer, jazzimmanenter Aspekt. Jeder Musiker ist in der Pflicht, sich auf die akustischen Begebenheiten des Raumes einzustellen. Die Prozesshaftigkeit des Jazz erlaubt es jedoch zusätzlich, das musikalische Material selbst mit der Akustik in Korrespondenz zu bringen. Anders als bei einer festgelegten Partitur können die Musiker die Textur ihrer Musik grundsätzlich ändern, indem sie z.B. weniger Töne spielen, in anderen Registern spielen, hellere Klangfarben oder stark veränderte Tempi verwenden usw. Im Idealfall entsteht ein Jazz, der seine Wesensmerkmale auch aus der akustischen Umgebung generiert: ein Kirchenjazz im besten Sinne. Dabei sind in Hinblick auf den Einzelaspekt „Hall“ die Möglichkeiten kirchlicher Raumakustik noch längst nicht erschöpft. Durch die diversen Möglichkeiten, den Raum kreativ zu bespielen, könnte ein solcher „Kirchenjazz“ z.B. auch die Tradition der Doppelchörigkeit für sich entdecken: ein responsorialer Jazz, der an seine eigene Tradition des „Call and Response“ anschließt.
Und in Hinblick auf die klassische Kirchenmusik und die Orgel im Besonderen wird man im Übrigen schnell feststellen, dass es gar nicht so viele Kirchen gibt, die über hervorragende akustische Bedingungen für klassische Orgel- und Chormusik verfügen. Das Argument ließe sich also auch ebenso leicht gegen die „klassische Kirchenmusik“ verwenden, die sich nach aller Erfahrung auch längst nicht in jedem Kirchenraum klanglich gut aufgehoben fühlt.

Marginalisierungsversuch Nr. 4: „Jazz ist Unterhaltungsmusik und keine Kirchenmusik“

Die Fakten: Abgesehen von der Tatsache, dass die Unterscheidung in „E-Musik“ und „U-Musik“, die hier zum Tragen kommt, ein deutsches Phänomen ist und wahrscheinlich mehr schadet als nützt: Die Verbindung von Spiritualität und Jazz ist im Vergleich zur klassischen „Neuen Musik“ und der Popularmusik deutlich ausgeprägter, nicht nur mit Blick auf die Wurzeln des Jazz im Spiritual und Gospel. Einige der berühmtesten Jazzwerke wie die „Sacred Concerts“ von Duke Ellington und „A Love Supreme“ von John Coltrane sind klingende Glaubenszeugnisse und weltweite Bestseller. Auch im modernen Jazz finden sich etliche renommierte Musiker, die bewusst ihre Musik als Ausdruck ihrer Christlichen Spiritualität begreifen – u.a. Kurt Elling, Brian Blade, Tord Gustavsen, Take Six und Gregory Porter. Bei vielen Jazzmusikern gibt es ein ausgeprägtes Bewusstsein für Spiritualität, welches sich aus der Beschäftigung mit improvisatorischen Prozessen speist. Diese können – stark verkürzt gesagt – als Erfahrung pneumatologischer Effekte und Selbsttranszendenz gedeutet werden. Der Amerikanische Jazztrompeter Wynton Marsalis prägte den Satz: „Jazz ist eine Musik zwischen Nachtclub und Himmel – wenn Du eins der beiden entfernst, ist es kein Jazz mehr“.
Mit Blick auf die klassische Kirchenmusik stellt sich darüber hinaus die Frage, ob jedes Kirchenkonzert den eigenen Anspruch „verkündigenden Charakters“ erfüllt. Die gerade veröffentlichte Studie zu Besuchern des Weihnachtsoratoriums von Jochen Kaiser [http://schott-campus.com/das-weihnachtsoratorium-von-johann-sebastian-bach/] nennt Zahlen, nach denen sich rund die Hälfte der Besucher als „nicht oder wenig religiös“ bezeichnen. Das Weihnachtsoratorium wird eher als ein kulturelles Konzerterlebnis der Adventszeit denn als Verkündigung einer frohen Botschaft verstanden. Auch wenn dieser Themenkomplex in Hinblick auf sozioreligiöse Prozesse wesentlich umfassender zu analysieren wäre: ein stillschweigend vorausgesetzter Verkündigungscharakter klassischer Kirchenmusik ist nicht geeignet, die religiöse Kompetenz von Jazz zu diskreditieren.
Ursächlich für die oben genannte Behauptung ist mitunter das zu beklagende Reflexions- und Forschungsdefizit in Hinblick auf den Begriff „Kirchenmusik“. So wird gemeinhin aus der aktuellen kirchenmusikalischen Praxis und subjektiven Einschätzungen eine implizite, unreflektierte Definition des Begriffs abgeleitet.

Marginalisierungsversuch Nr. 5: „Jazz ist eine besondere, urbane Musikkultur und gesamtkirchlich betrachtet nicht gemeindetauglich“

Sicherlich ist Jazz urbane Musikkultur, seine größten und lebendigsten Szenen finden sich in Deutschland in den Großstädten wie Berlin, Köln oder Hamburg. Aber auch wenn es in diesen Städten Gottesdienst- und Konzertreihen mit Jazz gibt, eine wirkliche „Jazzkirche“ findet sich (noch) nicht und traditionelle kirchenmusikalische Programmgestaltung prägt das Bild der Hauptkirchen. Dass diese ästhetische Uniformität nicht mit den Hörgewohnheiten der Menschen korrespondiert, wurde schon oben gezeigt. Wenn die Kirchenmusik jedoch (möglichst) allen Menschen lebensweltlich nahe sein möchte, müssen kulturelle Engführungen abgebaut werden. Kirchenmusik muss ein Raum expressiver Religiosität verschiedener Lebenswelten sein. An Musikern herrscht dabei kein Mangel: ca. 4000 hauptamtlich beschäftigten Kirchenmusikern in Deutschland stehen ca. 10 000 professionell arbeitende Jazzmusiker gegenüber. Deren Einbindung erfordert natürlich Initiative. Oftmals sind Jazzmusiker aber bereits in diversen lokalen und deutschlandweiten Gruppierungen organisiert, so dass sich leicht Möglichkeiten zur Kooperation und Vernetzung ergeben.
Argumentiert man aus der Sicht der Landgemeinden, verändern sich die Vorzeichen, die Chancen jedoch bleiben. Neben der Tatsache, dass auch in ländlichen Regionen höchst ambitionierte Jazzspielorte zu finden sind und der Tatsache, dass Jazzmusiker als Freiberufler darüber hinaus meist sehr mobil sind, kann aus der „musikalischen Not“ vor Ort auch eine Tugend werden. Viele Gemeinden sehen sich vor die Aufgabe gestellt, überhaupt einen fähigen Organisten zur Gestaltung der Gottesdienste zu finden, die Qualität des vorhandenen Kirchenchores lässt eine Aufführung schwierigerer klassischer Literatur meist nicht zu (siehe auch: „Wenn der Kirchenchor verstummt“, Süddeutsche Zeitung vom 31. Januar 2016). Die Erweiterung um andere Instrumente und die Offenheit, sich stilistisch auf Experimentelles einzulassen und situativ gemeinschaftlich Musik zu entwickeln: all das sind Spielräume des Jazz. Ein wenig versierter Organist oder orgelspielender Pianist (wie es in vielen kleinen Gemeinden der Fall ist) gewinnt vielleicht in einer Duo-Konstellation mit einem Jazzsolisten neue Freiräume. Choräle können in neuen Tonsprachen erklingen (für die Praxis liegt hier bereits vor: „The Real Faithbook of Great Hymns – Berühmte Choräle in 250 Jazzarrangements für Laien und Profimusiker, Gemeinde und Konzertsaal“, herausgegeben von Christoph Georgii, Uwe Steinmetz und Beat Rink im Brunnen Verlag).
Auf diese Weise könnte eine Gemeinde unter der Überschrift „Jazz“ ein sehr persönliches „Klangprofil“ entwickeln. Die Gefahr des abwertenden Vergleiches mit großen, klassischen „Kirchenmusikzentren“ würde zugunsten einer eigenständigen Glaubensäußerung entfallen, welche vielleicht durch einen professionellen Kirchenmusiker mitgestaltet und geführt wird, welche aber insbesondere eine Vielfalt musizierender Menschen in einer klingenden Gemeinschaft versammelt.
Ein weiterer Aspekt in Hinblick auf Gemeindetauglichkeit und Synergieeffekten ist die Tatsache, dass über den Jazz neue Wege der Kooperation zwischen Kirchenmusik, Musikschule und Schule geschaffen werden können. Was früher das Schulorchester oder der Schulchor war, ist heute die Bigband oder die Schüler-Jazzband und auch die Musikschulen verfügen oft über kleine Ensembles, wenn nicht sogar über eine eigene „Jazz-Abteilung“. Mit diesem Potential musikalischer Breitenarbeit ließen sich womöglich auch über die Konfirmandenarbeit ganz neue Formen der Partizipation entwickeln.

Marginalisierungsversuch Nr. 6: „Jazz und Gottesdienst, das passt doch gar nicht!“

Die Fakten: auch wenn Jazz oben schon in Hinblick auf sein „spirituelles Potential“ beleuchtet wurde, soll hier nochmal im Besonderen sein liturgisches Potential thematisiert werden. Der Schweizer Theologe Matthias Krieg sagte dazu in einem Vortrag („Was Gottesdienst vom Jazz lernen kann“, gehalten auf der Tagung „Changing Places“ im Oktober 2015 in der evangelischen Akademie in Loccum): „Der Jazz interpretiert Lebenshaltigkeit in den sonntäglichen und Glaubenshaltigkeit in den alltäglichen Gottesdiensten“, „Improvisation ist hörbare Geistesgegenwart. Der Jazz stellt mimetisch her, worauf der Gottesdiens hofft“ und „er fügt zusammen, was puristische Wortorientierung zerrissen hat. Sinnlichkeit und Körperlichkeit werden spirituell und expressiv.“ Dies sind nur drei von zehn Thesen, in denen sich Matthias Krieg mit der Interferenz von Jazz und Gottesdienst auseinandersetzt und doch deuten sie bereits ein kaum zu überblickendes Feld praktisch-theologischer Forschung an.
Viele der Wesensmerkmale von Jazz, die relativ unabhängig vom genannten Stilpluralismus fast überall wahrnehmbar sind, stehen in einem lebendigen Dialog zu theologischen Themen des Christentums. Beispielhaft lassen sich aufzählen: die Balance zwischen Regeln und Freiheit, die kollegiale Präsenz der Musizierenden (der das musikalische Material formende Dialog), die notwendige Selbstvergessenheit im Vertrauen auf Inspiration bei gleichzeitig erhöhter Gegenwärtigkeit, die Fülle der Beziehungen zwischen Tradition und Erneuerung, die Hingabe an die Vergänglichkeit des Momentes, das mitunter „unangepasste“ und gesellschaftskritische Potential – dies sind nur einige Aspekte der Erfahrungsmomente von Jazzmusikern, deren Mitempfinden und Beiwohnen auch beim Publikum einen besonderen Reiz erzeugt. Wie sehr diese genannten Potentialitäten in christlichen Kontexten deutbar sind und in was für Wechselwirkungen sie zu biblischen Texten gestellt werden können, darüber ließe sich viel sagen. Dazu bieten sich Möglichkeiten der kreativen und situativen Gottesdienstgestaltung. Als Beispiele können hier die improvisierte Psalmcollage von Texten und Musik, instrumentale Antworten auf biblische Lesungen, eine Verzahnung von Musik und Predigt oder die bewegte Improvisation im Altarraum „sub communione“ genannt werden.
Die oben genannte Behauptung entspringt mitunter auch der falschen Annahme, dass es einen normativen Idealzustand von Gottesdienst geben könnte. Der „ideale“ Gottesdienst liegt jedoch immer voraus und könnte sich dabei sogar auf ideale Weise vom dem in die Zukunft weisenden, quasi-eschatologischen Charakter des Jazz begleiten und inspirieren lassen. Natürlich bedeutet das im selben Gedankengang nicht, dass ein Gottesdienst mit Jazz in irgendeiner Weise grundsätzlich einem Gottesdienst ohne Jazz vorzuziehen sei. Dennoch muss man konstatieren, dass das liturgische Potential dieser Musik noch längst nicht hinreichend erforscht und praktiziert wird.
[Für eine theoretische Vertiefung dieser Aspekte sei u.a. das Buch zur o.g. Loccumer Tagung empfohlen: „Jazz und Kirche – philosophische, theologische und musikwissenschaftliche Zugänge“, herausgegeben von Julia Koll und Uwe Steinmetz, Ev. Verlagsanstalt Leipzig]

Schlussbemerkungen:

Die Marginalisierungsversuche klingen auf den ersten Blick überzeugend. Wie wenig sie jedoch mit der tatsächlichen Situation oder dem tatsächlichen Potential von Jazz gemein haben, sollte deutlich geworden sein. Vielen, die sich diese Argumente zu eigen machen, mag dabei gar nicht bewusst sein, wie gefährlich diese Argumentation für die weitere Entwicklung der Kirchenmusik auch im Sinne einer Pflege traditioneller Meisterwerke werden könnte.
Wenn die „klassische“ Kirchenmusik nämlich weiter versucht, ihre schwindenden Privilegien hinter institutionalisiert-musealen Klangmauern zu retten, wird sie möglicherweise ihren wachsenden Bedeutungsverlust vorantreiben. Öffnet sie sich jedoch dem religiösen Potential der Menschen abseits ausgetretener Pfade, so darf sie auf eine unerwartete Fülle inspirierender Klangwelten hoffen. Viel Mut gehört nicht dazu, denn die Abschaffung der großartigen und bewahrenswerten Tradition wird dadurch noch längst niemand fordern. Eher ist zu vermuten, dass in einem sich gegenseitig inspirierenden Miteinander von kontextueller Diversität alle profitieren.
Die Musik wird sich schließlich auch ohne eine institutionalisierte Kirchenmusik immer weiterentwickeln und so bleibt die grundsätzliche Frage, ob die Kirchenmusik an diesen Prozessen partizipieren möchte oder nicht. Sieht sie sich in der Tradition ihrer Helden, dann sollte sie es als ihre Pflicht sehen, denn alle „alten Meister“ haben ihre Werke verwurzelt in der Tradition fast immer als kompromisslose „Gegenwartsmusik“ geschaffen.
Alles als ein „Vermittlungsproblem“ darzustellen ist ebenso einfach wie problematisch. Der Aspekt der „Musikvermittlung“ ließe sich ja auch problemlos auf den Jazz anwenden, der aktuell in der Kirchenmusik noch gar nicht „vermittelt“ wird. Und der Gedanke des Vermittlungsproblems verkennt eine wichtige Tatsache: Kirchen sind nicht in erster Linie Kulturhäuser sondern Gotteshäuser. Purismus und Dogmatismus sind damit viel stärker zu hinterfragen als in einem reinen Konzerthaus, in dem die Frage geistlicher Lebenswirklichkeit eine nur sehr untergeordnete Rolle spielt.

Blickt man dazu auf die Kulturgeschichte des Christentums, so erkennt man schnell die Unüberschaubarkeit kultureller Wurzeln, interreligiöser und interkultureller Effekte, von Migration und Synkretismus. Die Bibel selbst lebt von einer hohen kulturellen Diversität und vielfältigen Wechselwirkungen, gerade aus den daraus resultierenden Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten erwächst ihr religiöses Potential. Diese Geschichte darf nicht zugunsten eines falsch verstandenen Purismus vergessen werden. Dazu nochmal Matthias Krieg: „Ich halte den ekklesiologischen Bedarf für unerkannt und gigantisch. Ohne die Kunst des Crossovers versinkt die Kirche im Ghetto. Zunehmend wird sie nur noch von sich selbst gelesen und verstanden. Ohne eine Theologie des Synkretismus verstummt sie im Purismus. Was der Jazz seit 120 Jahren tut, fehlt der Kirche ebenso lang. Grund genug für eine erwachsene Partnerschaft im Gottesdienst.“ Auch der bekannte Religionssoziologe Hans Joas äußert sich in Hinblick auf gegenwärtige religiöse Individualisierungsprozesse ähnlich, wenn er schreibt: „Ich würde (…) das Feld der religiösen Erfahrung heute noch weiter öffnen, um dann in ihm, in der vorurteilsfreien Konfrontation mit der ganzen Breite dieser Phänomene, das Christentum als Sprache zur Artikulation dieser Erfahrungen zu vertreten.“ [Joas, Selbsttranzendenz, 121]