Liturgie als Ästhetik – eine Betrachtung anhand von „Freiraum digital“

Liturgie als Ästhetik – eine Betrachtung anhand von „Freiraum digital“

Daniel Stickan

Jeder Gottesdienst ist ein gestaltendes Handeln in der Zeit, das auf Zuhörende und Zuschauende abzielt und bildet darin auch immer eine ästhetisch beschreibbare Form aus. Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Tatsache im alltäglichen Umgang mit Liturgie kaum eine Rolle spielt. Wird in Theorie und Praxis nach liturgischen Formen gefragt, erfolgt die Antwort meistens aus Theologie, Geschichte und Anthropologie: Welche gewachsenen Formen gibt es? Warum gibt es sie? Wie lassen sie sich zeitgemäß gestalten? Eine Betrachtung der liturgischen Form als ästhetisches Phänomen wurde bisher kaum geübt. Natürlich existieren Begriffe, wie Gottesdienst als „Inszenierung des Evangeliums“ (Meyer-Blanck), doch auch wenn dieser Begriff das Künstlerische betont, die konkrete Ausgestaltung und theoretische Reflexion bleibt unklar.

Eigentlich ist diese Situation recht unbefriedigend. Schließlich trifft der gegenwärtige Gottesdienst auf eine Öffentlichkeit, die kaum mehr gesichertes Wissen über traditionelle Liturgien besitzt. Das Erlebnis Gottesdienst wird gerade von Menschen, die nicht zur „Kerngemeinde“ gehören, in erster Linie ästhetisch bewertet. Die verschiedenen Ausdrucksformen (Text, Musik, Gestik, Partizipation usw.) müssen ein ästhetisch ansprechendes Ganzes ergeben, damit ein Gottesdienst ganz elementar als „schön“ oder „anregend“ erlebt werden kann. Schon in der Frage nach dem „Ganzen“ scheint es keinen Konsens zu geben. Immer wieder werden Versuche unternommen, größtenteils „klassisch“ konzipierte Gottesdienste unter Einsatz „moderner“ Elementen („Kirchentags-Gloria“) irgendwie zeitgemäß werden zu lassen. Solche ästhetischen Fremdkörper schaden oft mehr, als dass sie nützen.

Die Form von Freiraum digital ist nun gerade nicht aus einer geprägten, historischen Form entstanden. Sie erwuchs aus den vorhandenen, vielgestaltigen Materialien (Text, Tanz, Musik, Fotokunst, Filmkunst, Kalligraphie, Lyrik) und einem Gestaltungswillen, der in erster Linie nach der liturgischen Ästhetik fragt.

Besucht man einen digitalen Freiraum, so fällt sofort auf, dass hier unter „Gottesdienst“ keine lineare Erzählung verstanden wird. Zu einem übergeordneten Thema findet man ein Patchwork aus einem guten Dutzend Bildern, hinter denen sich einzelne Videos verbergen. Die augenscheinliche Form ist einerseits fragmentiert, andererseits ästhetisch durch die Bildsprache und Anordnung klar zu einer Einheit geformt. Innerhalb des Patchworks können sich die Besucher frei bewegen.

Zwei wesentliche Aspekte fallen auf:
1.) die Form besteht aus einer nicht-linearen Anordnung einzelner kleiner „Mikroformen“, aus der jeder Besucher seine individuelle Makroform erschafft.
2.) Die Form ist zeitlich nicht begrenzt, da Reihenfolge und Häufigkeit der einzelnen Mikroformen nicht vorgegeben sind.

Schon an dieser Stelle ist die übliche Beschreibung von Liturgien nicht mehr auskunftsfähig. Interdisziplinäres Denken kann hier jedoch neue Betrachtungen ermöglichen. Die Musiktheorie zum Beispiel hat über Jahrhunderte eine umfangreiche „Formenlehre“ ausdifferenziert, die über ein reiches Arsenal an Begriffen verfügt.

Freiraum digital in seiner äußeren Makroform fällt musiktheoretisch unter den Begriff der „offenen Form“, „open form“ oder „variablen Form“. Mit diesem Begriff beschreiben Komponisten wie Karl-Heinz Stockhausen, Pierre Boulez, John Cage u.a. Werke, die in ihrem zeitlichen Verlauf nicht determiniert sind. Der ausübende Interpret trifft vor oder sogar während der Aufführung Entscheidungen, aus denen sich die Form des Werkes jeweils neu zusammensetzt. Solche musikalischen Experimente sind keineswegs so „neu“ wie die Namen der genannten Komponisten andeuten: schon im Mittelalter wurde mit offenen Formen gespielt und die Vorstellung von einem Kunstwerk als einem von einer Person originär geschaffenen und für die Aufführung als „Werk“ determinierten Verlauf ist ohnehin eine relativ junge Erscheinung in der abendländischen Musikgeschichte. (weitere Anregung: Opera aperta von Umberto Eco)

Sehr eng verbunden mit der „offenen Form“ ist ein weiterer musiktheoretischer Begriff, der hier die zufällige Gestaltung des jeweiligen digitalen Freiraum durch den Besucher umfasst: Aleatorik. Diese „Zufallsverfahren“, mit denen verschiedene Produktionsmechanismen von Musik in Gang gesetzt werden können, sind ebenfalls seit dem Mittelalter bekannt, im 20. Jahrhundert wurden sie namentlich von John Cage zum Prinzip erhoben, der damit bewusst die Bedeutung des Komponisten als „Urheber“ reduzieren wollte. Auf Freiraum digital bezogen meint „Aleatorik“: Rein theoretisch sind bei einem Dutzend Auswahlfelder (=Mikroformen) knapp eine halbe Milliarde verschiedener Verläufe möglich, wenn jedes Feld nur einmal angewählt wird. Damit ist es kaum vorstellbar, dass Freiraum digital jemals von zwei Besuchern in derselben Reihenfolge besucht wird. Zusammenfassend lässt sich über die Makroform eines digitalen Freiraums ästhetisch aussagen: es handelt sich um eine stark aleatorisch geprägte, offene Form.
Diese „äußere“ Beschreibung ist noch recht technisch und sagt wenig darüber aus, ob hier ein ästhetisch überzeugendes Ganzes erlebt werden kann und wie die einzelnen Mikroformen (=Auswahlfelder) sich zueinander verhalten. Um die Beschreibung zu verfeinern, lassen sich jetzt weitere Begriffe aus der Musiktheorie ergänzen: Variation, Kontrast, Proportion und Wiederholung.

Variation
Freiraum digital zeichnet sich inhaltlich dadurch aus, dass es einen klaren thematischen Oberbegriff gibt, der die Mikroformen zusammenhält. Variation ist hierfür ein besonders passender Begriff. In einem musikalischen Variationenwerk (z.B. Goldberg-Variationen von Bach) können die einzelnen Variationen noch so unterschiedlich sein, sie haben immer einen erkennbaren gemeinsamen Kern: ein melodisches Thema oder, wie im Beispiel der Goldberg-Variationen, ein Modell von Basstönen. Das Team von Freiraum digital wendet viel Zeit für das gemeinsame Einstimmen auf ein Thema in seiner ganzen Bandbreite auf. Mögen die Variationen noch so unterschiedlich sein, immer gibt es im musikalischen Sinn ein „Thema“, das den inhaltlichen Zusammenhalt absichert. Wichtig ist darüber hinaus, dass die Ästhetik der Gestaltung nicht unbegrenzt beliebig ist: Punkrock trifft hier nicht auf mittelalterliche Scholastik. Für die Arbeit in einer solchen Gruppe gilt: Wo in ästhetischen Fragen nicht ein Grundkonsens besteht, kann sich die Variation nicht entfalten.

Kontrast
Bei aller Verständigung auf den geistigen Kern des Themas ist die Fülle der Sprachformen offensichtlich. Kalligraphie, Tanz, Sprache, Musik, Film- und Fotokunst, Lyrik, Gebet, Predigt…: die Vielfalt bildet einen Kontrastreichtum aus, der wesentlich ist für Freiraum digital. Kontraste können sich gegenseitig stärken, wenn sie erkennbar im Zusammenhang stehen. Zusammenhangslose Kontraste sind wie Effekte ohne Ursache, im schlimmsten Fall heben sie sogar die inhaltliche Qualität der einzelnen Teile auf. Da wir durch die inhaltliche Einstimmung den Zusammenhang so gut wie möglich festigen, können wir auf die Kraft der Kontraste vertrauen.

Proportion
In jedem Kunstwerk spielt Proportion eine enorme Rolle und es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig genau Gottesdienste in Hinblick auf Proportionen gestaltet werden. Auch wenn die zeitlichen Vorgaben für die einzelnen Mikroformen von Freiraum digital nicht sklavisch vorgeben sind: sie bleiben in einem ungefähren Zeitfenster von 2 bis 3 Minuten. Ausnahmen bestätigen die Regel und die bisher längste Mikroform an Musik (ein Stück minimal music) dauert fast 14 Minuten. Jede der Mikroformen bildet eine in sich geschlossene, dramaturgisch stimmige Einheit. Die Besucher können sich darauf verlassen, dass die nächste aufgerufene Mikroform den zeitlichen Verlauf organisch stimmig weiter proportioniert.

Wiederholung
Aus den Rückmeldungen der Besucher wird ersichtlich, dass Mikroformen mehrmals angeschaut werden, entweder direkt hintereinander oder verteilt über einen Verlauf von mehreren Tagen. Das Element der Wiederholung ist ein etabliertes Gestaltungsmerkmal musikalischer Formen fast sämtlicher Epochen. Die Minimal Music hat mit ihren repetitiven Mustern die Wiederholung im 20. Jahrhundert sogar zum Stilmerkmal erhoben und dadurch deren vertiefende Wirkung neu belebt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich gerade in der Minimal Music oft eine Nähe zum Spirituellen zeigt – im Ritual, insbesondere in den monastischen Traditionen, hat die Wiederholung liturgisch immer vital gelebt. Die offene Form ermöglicht somit im digitalen Raum der Liturgie eine Vertiefung durch Wiederholung, die der digitalen Welt sonst abgesprochen wird.

Die nicht-lineare Form des Erzählens ist in nicht-liturgischen Formen schon längst etabliert: Film, Schauspiel, Musik und Literatur haben in der Moderne die gewohnten linearen Erzählmuster („…es war einmal“) längst durch experimentelle Formen erweitert und theoretisch durchdrungen. Zahlreiche Arbeiten in der Literatur-, Kunst-, Musik- und Theaterwissenschaft belegen dies. Durch diese etablierten nicht-linearen Erzählformen sind – und das ist für die Situation des Gottesdienstes in der Gegenwart relevant – auch die Rezipienten in eine neue Kompetenz des formalen „Verstehens“ gebracht.

Sicherlich ist einiges von dem eben gesagten spezifisch für diese besondere Form einer „digitalen“ Liturgie. Das heißt aber nicht, dass die vorgestellten Denkanstöße nicht auch auf analoge Formen übertragbar sind. Auch analoge Gottesdienste können nach den Mustern von Aleatorik, Variation, Kontrast, Proportion und Wiederholung gestaltet werden. Die Möglichkeiten der „offenen Form“ hingegen sind im Analogen begrenzt (ein Beispiel dafür jedoch: Wandelkirche als „Weihnachtsgottesdienst“ in Zeiten von Corona, St. Nicolai Lüneburg 2020/22). Dafür jedoch kommen neue ästhetische Gestaltungsprinzipien zum Tragen: der Raum, die Körperlichkeit und sinnliche Erfahrungen wie Schmecken und Riechen. Der Katalog an interdisziplinären Ansätzen kann erweitert werden. Im analogen, linearen Verlauf von Liturgie können Mikroformen auch durch Techniken verbunden werden, die bei Freiraum digital nicht angewendet werden (können), zum Beispiel durch Gleichzeitigkeit und Überblendung.

Der bisher meist gewählte Ansatz, eine gewachsene liturgische Form mit Inhalt zu füllen, hat sicher seine Berechtigung als ein formaler Zugriff. Er vertraut darauf, dass diese Formen alleine eine überzeugende Ästhetik ausbilden und das ist auch nicht unbegründet. Wo der Bedarf nach neuen Ansätzen liturgischer Gestaltung besteht, könnte die Ästhetik digital wie analog fruchtbare Impulse liefern.