Nein, lieber Mensch, so nicht! (UA 2014, ca. 60 min.)

  • Kantate

Nein, lieber Mensch, so nicht!

Eine Kantate für Martin Luther

für Orgel, Saxophon, Gemischten Chor, Jugendchor und Gesangssolistin

komponiert von Uwe Steinmetz (Berlin) & Daniel Stickan (Lüneburg)

Mit unserer Komposition „Nein, lieber Mensch, so nicht!“ beziehen wir uns bewusst auf die liturgische Tradition von Bachs Kantatenwerk. Bachs Musik atmet lebendigen Glauben, wie eine Überschrift steht das „Soli Deo Gloria“ – allein Gott die Ehre – über seinem Schaffen. Bach hat bei allem Traditionsbewusstsein niemals eine museale Musik komponiert oder auch nur aufgeführt. Er war stets auf der Suche nach einem aktuellen, vielleicht sogar zukünftigen Klang und teilte diese Haltung wie selbstverständlich mit allen großen Namen seiner Zeit.

Als Textquellen und theologisches Fundament dienten uns sämtliche Lutherchoräle und Luthers Freiheitstraktat. Sein dualistisches Verständnis von Leib und Seele, Grundlage der Argumentationskette im Freiheitstraktat, haben wir auf die Großform von 15 musikalischen Szenen übertragen. Die Kantate beschreibt so einen großen Bogen von der Außen- zur Innenwelt: Die ersten 7 Bilder („Der Leib“) beschreiben den Menschen in seinem Verhältnis zur Welt. Die zweiten 7 Bilder („Die Seele“) vertonen Gedanken zum Seelenleben eines Christen und seinem dynamischen Verhältnis zu Gott. Gespiegelt wird dieses Prinzip an einem Triptychon über Luthers berühmtes Paradoxon zur evangelischen Freiheit, das ausschließlich aus spiegelsymmetrischen Hexachorden komponiert wurde.

Luthers Sprache zeugt von Wortgewalt, Poesie und Leidenschaft, an vielen Stellen ist gar ein Hang zur Mystik erkennbar, der uns fasziniert und Räume für die Wirkmächtigkeit von Musik öffnet. So findet die Kantate ihren Abschluss in einer groß angelegten Schlussfuge über Luthers deutschsprachige Version von “O lux beata trinitas”, einem alten Hymnus über die innerlich-mysteriösen Erscheinung des Glaubens. Hier vereinen sich viele musikalisch-bildnerische Elemente zu einer neuen Mystik: das erste Thema bildet als Tonfolge einen nach oben offenen Halbkreis, das zweite einen Viertelkreis aufwärts, das dritte einen Viertelkreis abwärts – gemeinsam ergänzen sie sich zu einem vollen Kreis. Das vierte Thema dann kreist um sich selbst, so wie Gott nicht grundlos, aber sein eigener Grund ist und für sich selbst möglicherweise durchsichtig, also Licht. Über allem schwebt in großen Notenwerten der Cantus Firmus und symbolisiert das Überirdische und die Ewigkeit.

Kompositorische Inspirationsquellen waren neben den Techniken der alten Musik (Kontrapunkt, Hoquetus-Technik, harmonische Wendungen von Guillaume de Machaut) die polyrhythmischen Überlagerungen von Pygmäenmusik, Messiaen’sche Modi und selbst entwickelte Skalen in vielerlei Ausprägungen, zeitgenössische Musik von Arvo Pärt und Steve Reich, und schließlich unsere eigene Klangsprache, wie wir sie seit vielen Jahren in intensiver Zusammenarbeit im Duo und in Ensembleprojekten zwischen Jazz und Crossover-Musik entwickelt haben.

Eine wichtige klangliche Inspiration war uns die Flentrop-Orgel von St. Katharinen. Ihre ungleichstufige Stimmung (Bach-Kellner) erfordert einen sensiblen Umgang mit Tonarten und ermöglicht ganz besonders „rein“ klingende Intervallstrukturen, wodurch wir für uns gänzlich neue Bereiche von Harmonik entwickeln konnten. Ihr großer Farbenreichtum und die besondere akustische Tiefenstaffelung im Raum prägen das Klangbild der Kantate.

Die Frische der musikalischen Verkündigung und die Verbindung von Theologie und Gegenwartskultur ist uns Motivation und Inspiration für die Kantate “Nein, lieber Mensch, so nicht!”. Wie Bach wollen wir geistliche Musik schreiben, die ihren Platz im Gottesdienst haben kann, Theologie und Gegenwartskultur verbindet und eine persönliche, frische und zeitgenössische Tonsprache formuliert. Denn gesagt werden muss immer nur das Eine, dies aber stets und immer wieder neu.

Uwe Steinmetz & Daniel Stickan

10.09.2017 St. Michaelis, Lüneburg – Mit: Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, Vokalquartett Klangbezirk, Uwe Steinmetz und Daniel Stickan
31.10.2015 Berlin, Thomaskirche – Mit: Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, Uwe Steinmetz und Daniel Stickan (Auszüge)
06.11.2015 Bremen, Söderblom-Kirche – Eröffnungsveranstaltung zum ökumenischen Abend der Generalsynode der VELKD. Mit: Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, Vokalquartett Klangbezirk, Uwe Steinmetz und Daniel Stickan (Auszüge)
02.11.2014 St. Katharinen, Hamburg – Mit: Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, Hugo-Distler-Ensemble, Efrat Alony, Uwe Steinmetz und Daniel Stickan
31.10.2014 Berlin, Gedächtniskirche – Mit: Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, Uwe Steinmetz und Daniel Stickan (Auszüge)

CD

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